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Definition

 

Wir sprechen von Wertewandel oder Wertevielfalt. Wir beklagen einen zunehmenden Werteverfall oder feiern eine Renaissance der Werte. Wir erleben in unserer pluralen Gesellschaft den Gegensatz unterschiedlicher Werthaltungen und fordern von unseren Schulen konsequente Wertebildung ein. Aber was sind eigentlich Werte und welche Chancen bieten sie im Kontext der schulischen Bildung?

Was sind „Werte"?

Werte sind nach Schubarth (2019) „Dinge, Ideen oder Vorstellungen, die Menschen oder Gruppen von Menschen für bedeutend und erstrebenswert halten." Neben dieser gibt es zahlreiche weitere Definitionen, die je nach Disziplin (Philosophie, Soziologie, Religionswissenschaften) und Perspektive unterschiedlich sind. Zwar gibt es keine einheitliche Definition von Werten, eine Gemeinsamkeit wissenschaftlicher Untersuchungen jedoch schon: Werte sind existenziell wichtig und Menschen nutzen sie als Richtlinien für ihr Leben. Dies ist sowohl für einzelne Personen als auch für die Gesellschaft bedeutsam, denn „wer subjektiv nichts wert- oder geringschätzt, wird sich zwischen mehreren Handlungsoptionen kaum entscheiden können und wer keine objektiven oder zumindest transsubjektiv gültigen Werte achtet, wird gegebenenfalls nicht als moralfähiger Akteur anerkannt.“ (Bambauer, 2019)

Es scheint also leichter zu sein, die Funktion bzw. das Potenzial von Werten festzulegen, als sie genau zu definieren.

Werte im Laufe der Zeit - Ändern sich Werte?

Bambauer (2019) betont, dass in der Geschichte der Philosophie immer wieder unterschiedliche Werte im Fokus standen: Platons Idee des Guten, Aristoteles‘ tugendbasierte Glückseligkeit oder Max Schelers Hierarchie der Werte, in der das Phänomen des Heiligen ganz oben steht. Angesichts dieses Wertewandels wird in unserer modernen Welt oft vorschnell von Werteerosion oder Werteverfall gesprochen. Dabei sind diese Begriffe irreführend. Denn es gibt nach wie vor Werte, wenngleich sie in unserer pluralen Gesellschaft eine neue Vielfalt oder Neuinterpretation erleben: Neben politischen Überzeugungen sowie Religionen spielen veränderte Lebensformen und -einstellungen eine Rolle im persönlichen Wertebezug. Außerdem werden Werte oft unterschiedlich interpretiert. Der Philosoph Andreas Urs Sommer (2016) hat Recht, wenn er sagt: „Der Banker versteht unter Freiheit etwas anderes als der Häftling, der Sozialrevolutionär etwas anderes als der religiös Erweckte.“

Dabei sind Wertevorstellungen vielfach auch historisch und gesellschaftlich bedingt und veränderbar. Maßgebliche Umwälzungen im 19. Jahrhundert haben den Wertebegriff erst hervorgebracht, „in einer Zeit, als […] das alteuropäische Gefüge des Denkens, Glaubens und Fühlens auseinanderbrach“ (Sommer, 2016). So wandeln sich Werte und ihre Bedeutung und es entstehen auch konkurrierende oder konträre Werte. Trotzdem und gerade deswegen muss Schule als Sozialisations- und Lernraum eine Antwort geben auf die Frage „Was sind Werte?“ – eine Antwort nicht nur in der Theorie, sondern vor allem in der Praxis.

Werte, Tugenden, Normen – Was ist was?

Eine Definition von Werten bleibt auch deshalb schwierig, weil nicht immer klar zwischen Werten, Tugenden und Normen unterschieden wird.

Tugenden sind auf Werte bezogene Handlungsmuster, Gewohnheiten und Handlungen. Sie sind nach Scheler „die unmittelbar erlebte Mächtigkeit, ein Gesolltes zu tun“ und nur dann wahrhaft, wenn sie um ihrer selbst willen gelebt werden. Hierbei unterscheidet man zwischen den Kardinaltugenden Gerechtigkeit, Tapferkeit, Klugheit und Mäßigung, die unabhängig von der jeweiligen Gesellschaft gelten, und den Sekundärtugenden. Unter den Sekundärtugenden verstehen wir Charaktereigenschaften, die zum Gelingen der Gesellschaft beitragen, alleine aber keine ethische Bedeutung haben, wie beispielsweise Fleiß, Disziplin, Zuverlässigkeit, Ordnungssinn, Höflichkeit oder Gehorsam.

Normen sind im positiven Sinne Gebote oder im negativen Sinne Verbote, die sich aus einem Wert ableiten. Ein Wert wie Gleichheit konkretisiert sich – je nach Rahmenbedingungen – in unterschiedlichen Normen: bei Ehepartnern beispielsweise in gleichen Rechten, bei Arbeitnehmern in gleichen Arbeitsbedingungen und Löhnen – unabhängig von Geschlecht oder Nationalität.

Werte bieten Chancen!

Schule hat als wichtige Sozialisationsinstanz die Möglichkeit, die Entwicklung von Heranwachsenden positiv im Sinne der Obersten Bildungsziele sowie ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu prägen. In unserer freiheitlich-demokratischen, pluralen Gesellschaft bieten Werte dabei eine große Chance. Werte können ein Ersatz sein für allgemeingültige gesellschaftliche Konventionen, wie es sie früher stärker gab als heute, da sie „potentiell alles mit allem in Verbindung setzen und Vergleichbarkeit herstellen können“ (Sommer 2016), um eine Wertegemeinschaft entstehen zu lassen. Eine Wertegemeinschaft  besteht in einer demokratischen Gesellschaft darin, dass man sich mit anderen abstimmt – nicht weil man unbedingt dieselben Werte vertritt oder durch sozialen oder politischen Druck vertreten muss, sondern weil Einigkeit darüber besteht, dass unterschiedliche Werte nebeneinander bestehen können, solange gewisse Grundwerte eingehalten werden. Solche Grundwerte wie Frieden, Sicherheit oder die freie Meinungsäußerung finden sich in unserem Grundgesetz oder der Bayerischen Verfassung. Dieser „Minimalwertekonsens“ ist die Voraussetzung dafür, dass unsere Gesellschaft als Wertegemeinschaft funktioniert. Wir müssen diese Grundwerte aber immer neu mit Leben füllen. Das ist eine wichtige Aufgabe von Schule. Gelingt diese Wertebildung, erfüllen Werte das ihnen zugeschriebene Potenzial, als „Kitt einer Gesellschaft“ zu fungieren und damit eine regulative Rolle einzunehmen. Geteilte Werte sind eine wichtige Voraussetzung für ein gutes Miteinander in Schule und Gesellschaft.

Dass und wie dies gelingen kann, zeigen zahlreiche gute Beispiele in diesem Portal. Die Chancen einer gelingenden Wertebildung liegen nicht nur im Unterricht, in außerunterrichtlichen Projekten oder in Schulentwickungsprozessen, sondern vor allem auch im werteorientierten Verhalten einzelner Personen: der Schulleitung, der Lehrkräfte und natürlich auch der Schülerinnen und Schüler sowie der Eltern und des pädagogischen Personals. Wir sind alle Vorbilder bei der Wertebildung. Gemeinsam tragen wir dazu bei, dass wir in einer von gegenseitiger Wertschätzung, Toleranz und Solidarität geprägten Gesellschaft leben – heute und in Zukunft!